[6 Beiträge] [ gemein motorrad ]
Na, wie fühlt sich das jetzt an? Wie gehts dir mit dem Gefühl ein Motorrad zu haben. Feine Sache, oder? Bist Du schon viel damit gefahren? Ja, ich weiß der Auspuff hat ein Loch. Das ist übrigens gleich nach dem Krümmer, am Übergang zum linken Endtopf. Sollte kein Problem sein das wieder dicht zu kriegen. Ich weiss ja nicht wie geschickt du in solchen Dingen bist, und vor allem wie geduldig Du bist. Ich hoffe sie macht Dir sonst keine Probleme.
Ich habe dieses Bike im letzten Sommer von einem Freund übernommen. So zusagen als eine Art Dauerleihgabe, fürs erste. Er wußte nicht mehr wohin damit. Sie stand schon zwei Jahre, tagaus tagein, vor seiner Tür im zweiten Wiener Bezirk. Gut getan hat ihr das nicht, das war klar. Irgendwann im September 2005 hab ich sie dort mit einem Anhänger bewaffnet abgeholt. Es war völlig klar, daß man nicht damit fahren können würde. Ich brachte sie zu meinen Eltern. Dort ist Platz dachte ich, dort kann ich mich den ganzen Winter damit spielen und bis zum nächsten April, bis zu den nächsten warmen Tagen wird sie topfit sein. Die gute Suzuki GSX, die 82er mit ihren 24 Jahren und ihren 70.000 Kilometern.
Ich hab zunächst mal versucht sie einfach zu starten. Um zu sehen wo man ansetzen muss. Es war auch für mich das erste Mal ein so altes Motorrad wieder in Betrieb zu nehmen. Es gelang mir sie zu starten. Wenn auch immer nur sehr kurz. Und nur mit Hilfe einer ganzen Dose Starthilfe Spray. Sie machte furchtbare Geräusche. Ich fand recht schnell heraus, daß sie eigentlich nur auf 3 Zylindern lief. Gelegenhtlich auch nur auf zwei. So brachte das natürlich nichts. Man mußte das also grundsätzlicher angehen. Ein wenig hatte ich ja schon gehofft, daß es mit einem einfachen Ölwechsel und neuen Kerzen getan sein könnte. Eine gute Freundin hat mir bei diesen ersten Versuchen geholfen. Wir waren für solche Sachen ein recht gutes Team. Ein paar Jahre vorher reparierten wir gemeinsam den Motor eines alten Mercedes. Der fährt noch immer wie sie mir gerade erzählt hat.
Ich machte mich gleich an diesem Wochenende daran sie zu zerlegen. Zunächst mal das Grobe. Also mal zugänglich machen und überlegen welche Teile man sowieso nicht mehr gebrauchen kann. Ich sortierte also mal die wesentlichen Gebrauchsgegenstände aus und fertigte mir eine Liste von zu besorgenden Teilen an. Die Liste wurde gar nicht so lang, wie man vielleicht befürchten könnte: Batterie, Motoröl, Zündkerzen, Kerzenschuhe, Luftfilter (das wurde schwieriger, aber dazu später) Bremsflüßigkeit, Bremsbeläge für Vorne (das wurde auch noch komplizierter, aber das kommt auch noch später), Glühlampen und Sicherungen. Ich betrachtete die Bremsschläuche und hekte einen heimlichen Plan aus. Dafür wollte ich was besonderes haben. Dann gab es eine zweite Liste die klärte was eigentlich alles getan werden musste. Und es konnte los gehen.
Ich begann damit die wesenlichen Teile abzunehmen. Die Räder auszubauen, das Gerät auf eigene Ständer zu hiefen und überlegte was wohl die richtige Reihenfolge sein würde. Ich wolle mich als erstes mit dem Motor selbst beschäftigen. Ich hatte Angst davor, daß es dafür noch weitere Ersatzteile brauchen würde, die ich so einfach nicht bekommen würde und ich wollte rechtzeitig bestellen können. Der 1. April war mein Stichtag. Bis dahin wollte ich fertig sein.
Ich begann also damit den Motor aufzumachen. Ich wusste das er funktionierte als sie zwei Jahre vorher abgestellt worden war. Ich war mir sicher, dass es nur ein Problem von Schmutz Verklemmung und/oder was ähnliches sein konnte. Als ich das Öl abließ um die entsprechenden Deckel abnehmen zu können wurde mir ja beinahe übel. Das sah gar nicht mehr nach Motoröl aus. Es war eine dickflüssige Pampe. Ich konnte mir nicht vorstellen, daß das noch die geringste Schmierwirkung haben konnte. Ich entsorgte das Altöl und dachte mir, "von nun an gehts dir besser, glaub mir, sowas passiert dir nicht mehr". Dann nahm ich den Ventildeckel ab. Das war auch nicht gerade ein schöner Anblick. Vier Ventile von den Acht waren schon festgefressen. Die Schrauben ließen sich nicht mehr lockern. Ich dachte mir, dass wird wohl der Grund sein, warum sie einfach nicht mehr läuft. Also hab ich mich mal eine Nacht lang damit gespielt, die Ventile wieder locker zu kriegen. Das hat letztlich auch funktioniert. Das Einstellen selbst war dann gar nicht mehr so schwierig. Nach dem ersten Wochenende waren die Ventile wieder in einem Halbwegs brauchbaren Zustand fand ich. Ich war mehr als Zufrieden.
Der zweite wesentliche und schwierige Teil neben den Ventilen waren die Vergaser. Kennst Du das Thema? Vergaser und Suzuki ... daran beissen sich gute Mechaniker die Zähne aus. Die richtige Luftmenge, die richtige Einstellung ... und dann noch konstant bleiben in allen Temperaturen. Das ist was richtig schwieriges.
Die 82er GSX hat artig vier Vergaser für ihre vier Zylinder. Ein Spass, dachte ich mir. Ich hatte sie ja schon vor den Ventilen abgenommen und begann nun damit sie zu zerlegen und zu reinigen. Das waren alles Dinge die ich schon mal gemacht hatte. Es war nur immer so umständlich diese alten Schrauben zu öffnen ohne dabei die eine oder andere abzudrehen. Das wär furchtbar gewesen, ist aber den ganzen Winter kein einziges Mal passiert. Ich hab die Vergaser eigenhändig zerlegt und gereinigt. Mit einem Wattestäbchen hab ich sie innen wieder sauber bekommen. Die Kolben flutschten nur so durch. Die Schwimmer waren wieder ganz gelöst. Sah gut aus, ich hatte große Freude damit. Ich tauschte noch das Motoröl und die Kerzen und baute die Vergaser wieder ein. Ein guter Feund, Mechaniker und Biker half mir bei diesen schwierigen Sachen. Der hatte eine rießige Freude damit. Es ging ihm wie mir. Wir machten also die ersten Startversuche. Nach ca. einer halben Stunde hatten wir sie soweit. Die ersten Benzintropfen schafften den Weg durch die Vergaser in den Motorraum und die ersten Anzeichen von Leben kehrten in die Suzuki zurück. Dazwischen merkten wir noch, daß so ziemlich alle Kunststoffschläuche porös, brüchig und kaputt waren. Wir tauschten sie aus. Die Vergaser hatten dadurch an falschen Stellen Luft angesaugt. Danach ging alles recht schnell. Und das Austauschen aller Schläuche hatte nur einen halben Tag gedauert. Sie lief. Unrund und gar nicht ruhig, aber schon bei weitem besser.
Die Einstellung der Vergaser mußten wir trotzdem vertagen. Irgendwas war da noch grob im Argen. Der zweite Zylinder - in der Zündfolge - wollte irgenwie nicht mitmachen. Nach langem hin und her mußte ich feststellen, daß die Zündspulen nicht gleichmäßig waren. Das war ganz schlecht. Zündspulen kann man einfach nicht reparieren, die kann man nur austauschen. Also ging ich, wieder in Wien, zu Suzuki und fragte nach. Nach einigen Diskussionen wurde schliesslich festgestellt, daß es in Deutschland noch einen Vertragshändler gab der die begehrten Teile lagernd hatte. ich bestellte sie und hielt sie vier Wochen später in Händen. Mittlerweile war Jänner geworden. Es war immer sehr kalt wenn ich weiter bastelte. Aber ich wollte pünktlich fertig werden mit Saisonbeginn. Es waren noch viele kleinere Dinge zu machen. Es waren Fehler in der Elektronik und im Kabelbaum. Ich mußte mehrmals den Lötkolben ansetzen um überall die Kriechströme los zu werden. Die Gabel baute ich aus und tauschte das Kopflager aus. Das ist ein Standardtask der geht recht einfach. Die Gabelholme selbst hab ich auch auseinander genommen. Ich wollte das Öl tauschen um wieder ein schnelles Fahrwerk zu kriegen. Eigentlich war das Fahrwerk der GSX immer ziemlich gut. Aber steifes Öl verhindert einfach ein schnelles Reagieren der Gabel und das ist recht wichtig. Die Bremsflüssigkeit tauschte ich ebenfalls aus. Bei der Gelegenheit vergönnte ich dem Bike zumindest für den oberen Teil Stahlschläuche um einen besseren Druckpunkt in der Bremse zu haben. Schönes Gefühl ... Schon mal eine Motorradbremse entlüftet ... ? Eine ziemliche Spielerei kann ich nur sagen. Ich hatte noch ein weiteres größeres Problem. Beim Schaltsimmering trat Öl aus. Ich konnte den Simmering selbst tauschen. Es war zwar einen Tag Spielerei aber ich hab es geschafft. Eigentlich braucht man dazu ein Spezialwerkzeug von Suzuki ... Es ging auch ohne, mit viel Geduld.
Schliesslich waren die Zündspulen angekommen und geliefert worden. Ich traf mich mit meinem alten Freund, denn nun sollte der Tag gekommen sein, die Vergaser in Betrieb zu nehmen. Wir bauten die Zündspule ein und versuchten zu starten. Sie lief! Kannst Du dir diesen Moment eigentlich vorstellen. Sie lief wieder auf allen vier Zylindern. Nach drei Monaten bastelei war es soweit. Ich war unglaublich Stolz auf mich. Weisst du, ich bin eigentlich Programmierer, ich bin nicht geübt in solchen Dingen. Es war kalt, es war Winter. Ich hab oft an der GSX geschraubt bis ich blaue Finger hatte. Ich war süchtig danach.
Wir stellten die Vergaser neu ein. Es gab noch immer ein Problem ... Die Suzuki lief nun zwar aber sie hatte im oberen Drehzahlbereich ein böses Loch. Wir schafften es lange nicht das richtig einzustellen. Mein Freund der mittlerweile Kinder und Familie hat mußte mich dann am Abend verlassen. Ich fuhr zu meinen Eltern und versuchte über Internet herauszufinden was hier eigentlich Sache war. Ich fand dabei einen entscheidenen Hinweis. Ich hatte aus der Suzuki den Luftfilterkasten entfernt und einen offenen K-N Filter montiert. Das sah einfach geiler aus. Aber durch den fehlenden Kasten wurde zuviel Luft angesaugt ... Das war das Problem. Ich fand einen schönen Hinweis wie das Problem behoben werden kann. Man muß mit festem Klebeband (Gaffa am besten) den Luftansaugekrümmer kleiner machen. Ich versuchte also den halben Krümmer abzukleben. Die Vergaser waren ja bereits nach Messgerät synchronisiert. Es könnte also einfach klappen. Und das tat es auch. Das Loch im Drehzahlverlauf war verschwunden. Natürlich alle Tests noch ohne Belastung. Sie war ja noch nicht wirklich zusammengebaut.
Es ging noch ans Fahrwerk. Das war tatsächlich schon der letzte Punkt. Ich baute Felgen und Achsen wieder zusammen. Ich hatte sie gut eingedieselt und gereinigt. Es flutschte alles wiede recht gut zusammen. Die Reifen waren alt und verbraucht, aber das wollte ich investieren wenn ich wieder mit ihr fahren konnte. Es sah alles super gut aus. Und es wurde warm ... langsam aber doch.
Ach ja, die Bremsbeläge hab ich noch neu gegeben. Das ist auch immer ein ziemliche Spielerei ... Aber da war ich schon in Übung, der Task war kaum der Rede wert.
Dann war es soweit. Es war im April, schweinekalt, aber ich wollte sie probieren. Mein alter Helm lag noch rum, auch sonst hatte ich eigentlich alles. Aus dem Dorf meiner Eltern raus gibt es eine kleine Steigung mit einer leichten links Kurve. Der Motor war schön warm gelaufen, weil ich ja die ganze Zeit noch an den Einstellungen schraubte. Sie war noch immer etwas unruhig und hatte kein gleichmäßiges Drehzahlband.
Ich fuhr aus dem Dorf raus, und gab vorsichtig Gas. Ein wahnsinnig cooles Gefühl. Die 82er GSX schnurrte unter mir. Nicht ganz gleichmäßig ... aber fast! Es war der reinste Wahnsinn, es war mein Traum gewesen.
Ich musste im Laufe des April noch sehr oft an den Vergasern rumschrauben. Irgendwann war es geschafft. Suzuki und Vergaser sind ein Kapitel für sich, aber es klappte schließlich doch. Ich hab noch eine Menge guter und sehr lieb gemeinter Tips erhalten. Von alten Freuden, Mechanikern die ich vorher nie gesehen hatte und in Werkstätten. Bezahlen mußte ich dafür nie. Ich war immer wieder in Suzuki Werkstätten. Es gab immer einen älteren Mechaniker der richtig große Freude hatte, mit meinem Bike. Meist war es der Besitzer der Firma selbst. Die GSX ist ein nun mal ein echter Klassiker und es gibt nicht mehr viele die noch funktionieren.
Das Fahrwerk dieses Bikes ist ein Hammer. Es ist knallhart und bockig ohne Ende. Man muß das Bike wirklich in jede Kurve reindreschen. Ich brauchte viel an Übung bis ich wieder richtig sicher wurde. Ich hatte alles vergessen. Ich hielt mich viel zu fest an den Griffen fest und hatte ständig Angst das sie weg rutschen könnte. Ich kaufte noch neue Reifen. Die weichsten die ich kriegen konnte. Wirkliche Sportreifen werden für das Bike gar nicht gebaut. Aber ich war sehr zufrieden mit den neuen Metzelern und es ging alles gleich wieder viel besser. Nach einer Reihe von Ausfahrten merkte ich wie ich damit aufhörte mich verkrampft festzuhalten. Wer soll dir denn dieses Bike auch wegnehmen dachte ich im Scherz, so fest brauchst du sie nicht zu halten. Sie rutschte immer wieder ein wenig, aber ich gewöhnte mich auch daran. Ich kann durchaus mit Stolz sagen, daß ich mit der guten GSX 82er Baujahr doch in so mancher Gruppe moderner Sportbikes gut mithalten konnte. Sie machte einfach Spass. Ich hatte das Gefühl dieses Bike eigenhändig aus der Versenkung geholt zu haben, sie in geduldiger Kleinarbeit in vielen Bereichen neu aufgebaut zu haben. Es war mein Bike, meine Suzuki, Die 82er GSX die überall bestaunt wurde. Mein Oldtmer, mein eigener, liebgewonnener kleiner Traum.
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